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Neue Mütterlichkeit – zwischen Selbstverwirklichung und schlechtem Gewissen
Mütter wollen heute mehr als Familie und Beruf miteinander vereinbaren. Sie möchten auch ihren eigenen Bedürfnissen Raum geben. Doch warum meldet sich dabei so häufig das schlechte Gewissen? Welche Rolle spielen traditionelle Vorstellungen von Mutterschaft und die Erwartungen anderer Frauen? Und warum ist die Fürsorge von Vätern noch immer nicht selbstverständlich? Ein Beitrag über alte Rollenbilder, neue Freiheiten und die Frage, wie Selbstverwirklichung und Mutterschaft zusammenpassen. - von Dipl.-Sozialpäd. (FH) Sibylle Trommler, Oktober 2026Muttersein sieht heute in vielen Familien anders aus als noch vor einigen Jahrzehnten. Berufstätigkeit, Partnerschaft, Familie und eigene Interessen finden zunehmend selbstverständlich nebeneinander statt. Rollenverständnisse und -zuschreibungen verändern sich.
Manche sprechen deshalb heute von einer „neuen Mütterlichkeit“. Doch was heißt das überhaupt? Der Ausdruck klingt ein wenig gestelzt. Und doch beschreibt er ein Thema, das viele Frauen kennen dürften und sie im Alltag immer wieder befasst.
Immer mehr Frauen beginnen, sich bewusst vor mentaler Erschöpfung zu schützen. Neben ihren Rollen in Familie und Beruf gehen sie eigenen Interessen nach und schaffen sich gezielt Freiräume. Sie verreisen, machen Kurztrips mit Freundinnen, gehen abends tanzen oder besuchen Kurse und Veranstaltungen, die sie interessieren.
In heterosexuellen Beziehungen übernehmen derweil oftmals die Väter zu Hause das Ruder und versorgen die Kinder, kümmern sich um den Haushalt oder erledigen den Einkauf allein. An anderen Tagen räumt die Frau ihrem Partner umgekehrt ähnliche Freiräume ein. Alles bestens also – sollte man meinen …
Wenn da nicht die Einmischungen und Kommentare der eigenen Geschlechtsgenossinnen wären. So hört man hinter vorgehaltener Hand oder (je nach Beziehungsstatus) auch ganz direkt „gut gemeinte“ Anmerkungen wie: „Da kannst du dich mit deinem Mann aber glücklich schätzen!“, „Der hält dir ja den Rücken frei“ oder „Dein Mann nimmt dir aber viel im Haushalt ab.“
Und schon schwindet die gerade erst gewonnene Freude der „neuen“ Generation und „neuen Mütterlichkeit“ über die kleinen feministischen Errungenschaften weiblicher Gleichbehandlungsziele – ausgerechnet durch kritische Kommentare anderer Frauen, nicht selten aus der eigenen Müttergeneration.
Und auch wenn den Frauen „von heute“ völlig klar ist, nicht allein für die in die Welt gesetzten Kinder Verantwortung zu tragen, den Haushalt nicht allein zu bewohnen und den Einkauf nicht allein zu verbrauchen, setzt bei solchen Kommentaren viel zu oft ein verfestigtes, uraltes Gefühl ein, das sich ungefragt und ungebeten in der Magengegend breitmacht: das schlechte Gewissen.
Obwohl viele Frauen das brennende Bedürfnis verspüren, neben Stillen und Windelwechseln, Hausaufgaben und Pubertätskrisen wieder eigene Themen in ihrem Leben zu etablieren, nähren solche Anmerkungen das Gefühl, man sei keine „Vollblutmutter“, wenn man nicht immer zu einhundert Prozent zur Verfügung stehe. Die Mutterschaft erfülle einen nicht so wie andere Frauen. Man sei egoistisch und die Kinder litten zwangsläufig unter der fehlenden ungeteilten Aufmerksamkeit.
Sich um andere zu kümmern, an andere zuerst zu denken, bevor man sich eigenen Bedürfnissen widmet – das war über Jahrhunderte hinweg das vorherrschende weibliche und mütterliche Gütesiegel schlechthin und zugleich verinnerlichtes Selbstbild.
Nun ändern sich – Gott sei Dank – die Zeiten, und Frauen gehen individuelle, selbstbestimmte Wege, wenngleich die Gesellschaft von einer echten Gleichberechtigung noch immer weit entfernt ist.
Heißt dies nun, dass Frauen sich entscheiden müssen? Entweder sie verhalten sich, wie von ihnen häufig noch immer erwartet, selbstaufopfernd und stellen eigene Bedürfnisse hinten an? Oder sie geben, um sich selbst entfalten zu können, ihren Blick für ihr Gegenüber, die Kinder, den Ehemann einfach gänzlich auf? Heißt das, dass Frauen, die sich nicht mit 60 Jahren erschöpft von den Jahren der Aufopferung fühlen wollen, endlich einfach nur strenge „Egomaninnen“ werden und nur an sich denken sollten?
Nein. Das heißt es nicht.
Wir können als Frauen empathisch, mitfühlend, sorgsam, behütend und fürsorglich sein und gleichzeitig auf unseren eigenen Kräftehaushalt achten, unseren Wünschen und Interessen nachgehen, eigene Freiräume finden und nutzen. Und wir können somit unseren Kindern beibringen: Genau das ist okay und richtig so!
Denn erholte, ausgeglichene, erfüllte Mütter verlieren seltener die Nerven, sind offener fürs gemeinsame Spiel, hören besser zu und können Krisen häufig souveräner bewältigen. Davon profitieren letztlich alle Familienmitglieder. Insbesondere dann, wenn die dazugehörigen Männer ebenso die Fürsorge und den gern so genannten „Rundum-Blick“ für ihre Mitmenschen verinnerlicht haben.
Denn natürlich muss man nur genauer hinschauen: Hält ein Vater seiner Frau wirklich „den Rücken frei“, wenn er sich um seine eigenen Kinder kümmert? Nimmt ein Mann seiner Frau Arbeit ab, wenn er einkauft, putzt oder Wäsche wäscht? Oder übernimmt er schlicht seinen Anteil an der Elternschaft, der Partnerschaft und einem Haushalt, in dem auch er lebt und sich wohlfühlen möchte?
Man stelle sich eine Welt vor, in der traditionelle Vorstellungen von männlicher Stärke, Überlegenheit und emotionaler Unverletzlichkeit zunehmend an Bedeutung verlieren. In der Mütter und Väter ihren Söhnen nach dem Hinfallen nicht mehr erzählten, dass Jungs nicht weinen dürften. In der Kinder am Beispiel ihrer Eltern erfahren würden, dass ein Haushalt von Frau UND Mann erledigt werden kann, dass Väter Elternzeit nehmen und abends ihre Kinder zu Bett bringen. Dass Jungen von ihren Vätern lernten, einen Knopf anzunähen und Mädchen mit ihren Müttern die Hauselektrik reparierten. Die „neuen“ Mütter (und hoffentlich auch Väter) von heute erziehen die Söhne von morgen, die es keinesfalls als Gefälligkeit für ihre Partnerinnen empfinden werden, die Wäsche zu bügeln.
Mit dieser Vorstellung und guten Argumenten ausgestattet, sollte der Austausch mit den eigenen Müttern, Schwiegermüttern, Nachbarinnen oder wem auch immer bei einer gemütlichen Tasse Tee, einem Gläschen Wein oder einfach beim nächsten „gut gemeinten“ Kommentar leichter gelingen – und dabei helfen, dieses dumpfe, nervtötende, unterschwellige Gefühl in der Magengegend endlich loszuwerden.
Manche sprechen deshalb heute von einer „neuen Mütterlichkeit“. Doch was heißt das überhaupt? Der Ausdruck klingt ein wenig gestelzt. Und doch beschreibt er ein Thema, das viele Frauen kennen dürften und sie im Alltag immer wieder befasst.
Selbstbestimmung mit Beigeschmack
Immer mehr Frauen beginnen, sich bewusst vor mentaler Erschöpfung zu schützen. Neben ihren Rollen in Familie und Beruf gehen sie eigenen Interessen nach und schaffen sich gezielt Freiräume. Sie verreisen, machen Kurztrips mit Freundinnen, gehen abends tanzen oder besuchen Kurse und Veranstaltungen, die sie interessieren.
In heterosexuellen Beziehungen übernehmen derweil oftmals die Väter zu Hause das Ruder und versorgen die Kinder, kümmern sich um den Haushalt oder erledigen den Einkauf allein. An anderen Tagen räumt die Frau ihrem Partner umgekehrt ähnliche Freiräume ein. Alles bestens also – sollte man meinen …
Wenn da nicht die Einmischungen und Kommentare der eigenen Geschlechtsgenossinnen wären. So hört man hinter vorgehaltener Hand oder (je nach Beziehungsstatus) auch ganz direkt „gut gemeinte“ Anmerkungen wie: „Da kannst du dich mit deinem Mann aber glücklich schätzen!“, „Der hält dir ja den Rücken frei“ oder „Dein Mann nimmt dir aber viel im Haushalt ab.“
Und schon schwindet die gerade erst gewonnene Freude der „neuen“ Generation und „neuen Mütterlichkeit“ über die kleinen feministischen Errungenschaften weiblicher Gleichbehandlungsziele – ausgerechnet durch kritische Kommentare anderer Frauen, nicht selten aus der eigenen Müttergeneration.
Und auch wenn den Frauen „von heute“ völlig klar ist, nicht allein für die in die Welt gesetzten Kinder Verantwortung zu tragen, den Haushalt nicht allein zu bewohnen und den Einkauf nicht allein zu verbrauchen, setzt bei solchen Kommentaren viel zu oft ein verfestigtes, uraltes Gefühl ein, das sich ungefragt und ungebeten in der Magengegend breitmacht: das schlechte Gewissen.
Obwohl viele Frauen das brennende Bedürfnis verspüren, neben Stillen und Windelwechseln, Hausaufgaben und Pubertätskrisen wieder eigene Themen in ihrem Leben zu etablieren, nähren solche Anmerkungen das Gefühl, man sei keine „Vollblutmutter“, wenn man nicht immer zu einhundert Prozent zur Verfügung stehe. Die Mutterschaft erfülle einen nicht so wie andere Frauen. Man sei egoistisch und die Kinder litten zwangsläufig unter der fehlenden ungeteilten Aufmerksamkeit.
Sich um andere zu kümmern, an andere zuerst zu denken, bevor man sich eigenen Bedürfnissen widmet – das war über Jahrhunderte hinweg das vorherrschende weibliche und mütterliche Gütesiegel schlechthin und zugleich verinnerlichtes Selbstbild.
Nun ändern sich – Gott sei Dank – die Zeiten, und Frauen gehen individuelle, selbstbestimmte Wege, wenngleich die Gesellschaft von einer echten Gleichberechtigung noch immer weit entfernt ist.
Egoismus im Namen des Feminismus?
Heißt dies nun, dass Frauen sich entscheiden müssen? Entweder sie verhalten sich, wie von ihnen häufig noch immer erwartet, selbstaufopfernd und stellen eigene Bedürfnisse hinten an? Oder sie geben, um sich selbst entfalten zu können, ihren Blick für ihr Gegenüber, die Kinder, den Ehemann einfach gänzlich auf? Heißt das, dass Frauen, die sich nicht mit 60 Jahren erschöpft von den Jahren der Aufopferung fühlen wollen, endlich einfach nur strenge „Egomaninnen“ werden und nur an sich denken sollten?
Nein. Das heißt es nicht.
Wir können als Frauen empathisch, mitfühlend, sorgsam, behütend und fürsorglich sein und gleichzeitig auf unseren eigenen Kräftehaushalt achten, unseren Wünschen und Interessen nachgehen, eigene Freiräume finden und nutzen. Und wir können somit unseren Kindern beibringen: Genau das ist okay und richtig so!
Denn erholte, ausgeglichene, erfüllte Mütter verlieren seltener die Nerven, sind offener fürs gemeinsame Spiel, hören besser zu und können Krisen häufig souveräner bewältigen. Davon profitieren letztlich alle Familienmitglieder. Insbesondere dann, wenn die dazugehörigen Männer ebenso die Fürsorge und den gern so genannten „Rundum-Blick“ für ihre Mitmenschen verinnerlicht haben.
Denn natürlich muss man nur genauer hinschauen: Hält ein Vater seiner Frau wirklich „den Rücken frei“, wenn er sich um seine eigenen Kinder kümmert? Nimmt ein Mann seiner Frau Arbeit ab, wenn er einkauft, putzt oder Wäsche wäscht? Oder übernimmt er schlicht seinen Anteil an der Elternschaft, der Partnerschaft und einem Haushalt, in dem auch er lebt und sich wohlfühlen möchte?
Man stelle sich eine Welt vor, in der traditionelle Vorstellungen von männlicher Stärke, Überlegenheit und emotionaler Unverletzlichkeit zunehmend an Bedeutung verlieren. In der Mütter und Väter ihren Söhnen nach dem Hinfallen nicht mehr erzählten, dass Jungs nicht weinen dürften. In der Kinder am Beispiel ihrer Eltern erfahren würden, dass ein Haushalt von Frau UND Mann erledigt werden kann, dass Väter Elternzeit nehmen und abends ihre Kinder zu Bett bringen. Dass Jungen von ihren Vätern lernten, einen Knopf anzunähen und Mädchen mit ihren Müttern die Hauselektrik reparierten. Die „neuen“ Mütter (und hoffentlich auch Väter) von heute erziehen die Söhne von morgen, die es keinesfalls als Gefälligkeit für ihre Partnerinnen empfinden werden, die Wäsche zu bügeln.
Mit dieser Vorstellung und guten Argumenten ausgestattet, sollte der Austausch mit den eigenen Müttern, Schwiegermüttern, Nachbarinnen oder wem auch immer bei einer gemütlichen Tasse Tee, einem Gläschen Wein oder einfach beim nächsten „gut gemeinten“ Kommentar leichter gelingen – und dabei helfen, dieses dumpfe, nervtötende, unterschwellige Gefühl in der Magengegend endlich loszuwerden.
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