Schmerz und Burnout überwinden: Interview mit Petra Levator
Petra Levator ist Lehrerin und leidet seit ihrer Jugend an einer schmerzhaften Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose). In Ihrem Buch 'Tarnkappe' schildert sie zusammen mit dem Sportwissenschaftler Dr. Begov, wie sie Operationen, Depressionen und Burnout mit Hilfe von Therapien und Sport überwindet und zu neuem Lebensmut findet. - von Psychomeda-Redaktion, Aug 2011
Psychomeda: Was hat Sie bewogen, das Buch zu schreiben und um was geht es in dem Buch?
Petra Levator: Mein Co-Autor Dr. Franz Begov, den ich 2005 während einer Rehabilitation kennen lernte, gab den Anstoß. Dr. Begov wollte selbst ein Buch über Schmerzbewältigung, Sport und Depression schreiben, war aber selbst schon so krank, dass er sich nicht mehr alleine dazu aufraffen konnte. Wir haben uns gegenseitig gestützt und bereichert, es gab kein Tabu, über unsere Gefühle, über unser Schwachsein zu sprechen. Ich war glücklich, in ihm einen verständnisvollen, intellektuellen Projektpartner gefunden zu haben, der mich ermutigte, meine Tagebuchnotizen in einem Buch zu erweitern.
Psychomeda: Was ist das zentrale Thema des Buches?
PL: Es geht allgemein formuliert um Bewältigungsstrategien von Lebenskrisen. Im Mittelpunkt steht die Schmerzbewältigung und die sich daraus entwickelnden depressiven Krisen, aber auch familiäre Konflikte, die Zerrissenheit und hohen Belastungen als Frau zwischen Beruf und Familie ebenso eine Vater-Tochter-Stiefmutter-Dramatik, die in Rückblenden erzählt wird.
Psychomeda: Sie sind schwer wirbelsäulengeschädigt. Um was geht es genau?
PL: Mein Problem ist eine Wirbelsäulenverkrümmung, Skoliose genannt, die sich aufgrund zu schnellen Wachstums in meiner Jugend entwickelte. Eine Beinlängendifferenz und ein dadurch verursachter Beckenschiefstand brachte meine Wirbelsäule aus dem Lot. Leider verschlimmerte sich der Zustand schnell, trotz eingeleiteter Maßnahmen wie Schuherhöhung rechts, eine Gipsschale, in die ich nachts geschnallt wurde und Krankengymnastik . Mit 16 sollte ich schon operiert werden. Erst mit 19 Jahren ließ ich mich operieren, die Folgeschäden traten 28 Jahre später auf, was mich aufgrund der hohen Schmerzbelastung, Berufsstress und familiärer Umstände fast in den Wahnsinn trieb. Für die Leser geht es hier auch um Früherkennung, Prävention, die Vermeidung der Fehler, die in meinem Fall gemacht wurden.
Psychomeda: Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie depressiv sind und etwas ändern müssen?
PL: Als ich vor Erschöpfung und Schmerz kaum noch sprechen, mich nur noch mühevoll bewegen konnte, ständig weinen musste. Mit meiner Selbstbeherrschung war es nicht mehr weit her.
Die Kraft reichte gerade noch für die Schule, das Unterrichten. Zuhause lag ich auf der Couch. Um mir den Vorwurf der Faulheit zu ersparen, raffte ich mich doch immer wieder auf, das Allernotwendigste zu tun.
Dabei ging ich zulange über meine Grenzen. Ich hätte viel früher professionelle Hilfe gebraucht, ärztlichen Schutz und Verständnis.
Psychomeda: Viele Menschen haben das Gefühl, etwas in ihrem Leben ändern zu müssen, schaffen es aber nicht. Wie haben Sie einen Ausweg gefunden?
PL: Nun, ich habe auch lange gezögert, wirklich etwas zu ändern und die Erkenntnisse, was zu ändern ist, insbesondere die Dringlichkeit und Bestätigung kam von professioneller Seite, also durch Psychologen und Ärzte. Das musste dann auch mein Mann einsehen und akzeptieren. Sonst wäre es zur Trennung gekommen. Ich wusste schon lange, dass ich meinen Lehrauftrag reduzieren sollte, dass ich öfter „NEIN“ sagen sollte, dass ich die Erwartungen anderer nicht immer erfüllen müsse etc. Das ist leichter gesagt als getan, denn sofort gibt es Schuldzuweisungen wie „sie ist faul, sie ist launisch, sie macht, was sie will, sie ist egoistisch etc.“ Ein leistungsorientierter Typ wie ich wird gerne zur Bequemlichkeit anderer ausgenutzt. Damit ist nun Schluss.
Ich lasse mich nicht mehr ausnutzen. Ich übernehme nicht mehr die Verantwortung für Zuständigkeiten anderer. Ich denke an mich, ich passe auf mich auf, ich freue mich an den kleinen Dingen des Lebens.
Psychomeda: Sport und Aktivität haben Ihnen bei der Bewältigung sehr geholfen...
PL: Jeder Mensch muss etwas tun, aktiv sein. In einer Depression wissen wir, wird der Mensch inaktiv. Er hat keine Lust, Kraft, Energie zu nichts mehr. Das kann eine Reaktion auf körperlichen oder seelischen Schmerz sein, ein Schutz vor Überaktivität.
So war es bei mir. So ist es bei immer mehr Menschen, es ist ein ganz heißes, brennendes, aktuelles Thema. Aktivität bedeutet ja nicht nur Sport. Immer mehr Menschen haben aufgrund fehlender Anregungen und Bewegung in der Kindheit motorische Defizite. Sie können keinen Ball spielen, haben weder Ausdauer, noch Geschicklichkeit, sie sind wetter- und wasserscheu. Da sollte man sich schon mal überwinden und in die Natur gehen. Das hilft. Das half mir sogar in den schlimmsten Zeiten, wo ich kaum noch laufen konnte.
Viele Leser meines Buches schrieben oder sagten mir, wie ansteckend meine Beschreibungen für sie waren. Damit meinten sie auch das Kochen und Werkeln im Haushalt und Garten, das Lesen an sich. Das Radfahren und Spazierengehen. Auf dem Balkon sitzen und die Sonne genießen. Eine Spritztour mit dem Auto (oder mit Straßenbahn und Bus) machen und die Landschaft betrachten.
All das sind Aktivitäten des Alltags, die jeder von uns machen kann, die auch der schmalste Geldbeutel hergibt.
Psychomeda: Wie geht es Ihnen heute? Nehmen Sie noch Medikamente? Leiden Sie noch unter Schmerzen?
PL: Es geht mir heute sehr gut. Ich habe kaum Beschwerden, wenn ich nach meinem Rhythmus leben kann, brauche keinerlei Medikamente, habe keine Süchte außer dem Drang nach Bewegung. Allerdings habe ich einen sehr leichten Schlaf, kann nicht länger als zwei Stunden am Stück sitzen, muss viel alleine sein, am liebsten in der Natur. Ich habe erhebliche Gedächtnislücken, bin vergesslich und kann mich nicht lange konzentrieren. Dann nehme ich eine Auszeit, danach geht es wieder, auch hoch konzentriert, für eine Weile weiter. Meiner Vergesslichkeit begegne ich mit Gelassenheit. Die Sachen finden sich meist wieder.
Psychomeda: Wir bedanken uns für das Interview!
Mehr Informationen über Petra Levator und ihr Buch 'Tarnkappe' finden Sie unter http://petra-levator.de/
Petra Levator: Mein Co-Autor Dr. Franz Begov, den ich 2005 während einer Rehabilitation kennen lernte, gab den Anstoß. Dr. Begov wollte selbst ein Buch über Schmerzbewältigung, Sport und Depression schreiben, war aber selbst schon so krank, dass er sich nicht mehr alleine dazu aufraffen konnte. Wir haben uns gegenseitig gestützt und bereichert, es gab kein Tabu, über unsere Gefühle, über unser Schwachsein zu sprechen. Ich war glücklich, in ihm einen verständnisvollen, intellektuellen Projektpartner gefunden zu haben, der mich ermutigte, meine Tagebuchnotizen in einem Buch zu erweitern.
Psychomeda: Was ist das zentrale Thema des Buches?
PL: Es geht allgemein formuliert um Bewältigungsstrategien von Lebenskrisen. Im Mittelpunkt steht die Schmerzbewältigung und die sich daraus entwickelnden depressiven Krisen, aber auch familiäre Konflikte, die Zerrissenheit und hohen Belastungen als Frau zwischen Beruf und Familie ebenso eine Vater-Tochter-Stiefmutter-Dramatik, die in Rückblenden erzählt wird.
Psychomeda: Sie sind schwer wirbelsäulengeschädigt. Um was geht es genau?
PL: Mein Problem ist eine Wirbelsäulenverkrümmung, Skoliose genannt, die sich aufgrund zu schnellen Wachstums in meiner Jugend entwickelte. Eine Beinlängendifferenz und ein dadurch verursachter Beckenschiefstand brachte meine Wirbelsäule aus dem Lot. Leider verschlimmerte sich der Zustand schnell, trotz eingeleiteter Maßnahmen wie Schuherhöhung rechts, eine Gipsschale, in die ich nachts geschnallt wurde und Krankengymnastik . Mit 16 sollte ich schon operiert werden. Erst mit 19 Jahren ließ ich mich operieren, die Folgeschäden traten 28 Jahre später auf, was mich aufgrund der hohen Schmerzbelastung, Berufsstress und familiärer Umstände fast in den Wahnsinn trieb. Für die Leser geht es hier auch um Früherkennung, Prävention, die Vermeidung der Fehler, die in meinem Fall gemacht wurden.
Psychomeda: Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie depressiv sind und etwas ändern müssen?
PL: Als ich vor Erschöpfung und Schmerz kaum noch sprechen, mich nur noch mühevoll bewegen konnte, ständig weinen musste. Mit meiner Selbstbeherrschung war es nicht mehr weit her.
Die Kraft reichte gerade noch für die Schule, das Unterrichten. Zuhause lag ich auf der Couch. Um mir den Vorwurf der Faulheit zu ersparen, raffte ich mich doch immer wieder auf, das Allernotwendigste zu tun.
Dabei ging ich zulange über meine Grenzen. Ich hätte viel früher professionelle Hilfe gebraucht, ärztlichen Schutz und Verständnis.
Psychomeda: Viele Menschen haben das Gefühl, etwas in ihrem Leben ändern zu müssen, schaffen es aber nicht. Wie haben Sie einen Ausweg gefunden?
PL: Nun, ich habe auch lange gezögert, wirklich etwas zu ändern und die Erkenntnisse, was zu ändern ist, insbesondere die Dringlichkeit und Bestätigung kam von professioneller Seite, also durch Psychologen und Ärzte. Das musste dann auch mein Mann einsehen und akzeptieren. Sonst wäre es zur Trennung gekommen. Ich wusste schon lange, dass ich meinen Lehrauftrag reduzieren sollte, dass ich öfter „NEIN“ sagen sollte, dass ich die Erwartungen anderer nicht immer erfüllen müsse etc. Das ist leichter gesagt als getan, denn sofort gibt es Schuldzuweisungen wie „sie ist faul, sie ist launisch, sie macht, was sie will, sie ist egoistisch etc.“ Ein leistungsorientierter Typ wie ich wird gerne zur Bequemlichkeit anderer ausgenutzt. Damit ist nun Schluss.
Ich lasse mich nicht mehr ausnutzen. Ich übernehme nicht mehr die Verantwortung für Zuständigkeiten anderer. Ich denke an mich, ich passe auf mich auf, ich freue mich an den kleinen Dingen des Lebens.
Psychomeda: Sport und Aktivität haben Ihnen bei der Bewältigung sehr geholfen...
PL: Jeder Mensch muss etwas tun, aktiv sein. In einer Depression wissen wir, wird der Mensch inaktiv. Er hat keine Lust, Kraft, Energie zu nichts mehr. Das kann eine Reaktion auf körperlichen oder seelischen Schmerz sein, ein Schutz vor Überaktivität.
So war es bei mir. So ist es bei immer mehr Menschen, es ist ein ganz heißes, brennendes, aktuelles Thema. Aktivität bedeutet ja nicht nur Sport. Immer mehr Menschen haben aufgrund fehlender Anregungen und Bewegung in der Kindheit motorische Defizite. Sie können keinen Ball spielen, haben weder Ausdauer, noch Geschicklichkeit, sie sind wetter- und wasserscheu. Da sollte man sich schon mal überwinden und in die Natur gehen. Das hilft. Das half mir sogar in den schlimmsten Zeiten, wo ich kaum noch laufen konnte.
Viele Leser meines Buches schrieben oder sagten mir, wie ansteckend meine Beschreibungen für sie waren. Damit meinten sie auch das Kochen und Werkeln im Haushalt und Garten, das Lesen an sich. Das Radfahren und Spazierengehen. Auf dem Balkon sitzen und die Sonne genießen. Eine Spritztour mit dem Auto (oder mit Straßenbahn und Bus) machen und die Landschaft betrachten.
All das sind Aktivitäten des Alltags, die jeder von uns machen kann, die auch der schmalste Geldbeutel hergibt.
Psychomeda: Wie geht es Ihnen heute? Nehmen Sie noch Medikamente? Leiden Sie noch unter Schmerzen?
PL: Es geht mir heute sehr gut. Ich habe kaum Beschwerden, wenn ich nach meinem Rhythmus leben kann, brauche keinerlei Medikamente, habe keine Süchte außer dem Drang nach Bewegung. Allerdings habe ich einen sehr leichten Schlaf, kann nicht länger als zwei Stunden am Stück sitzen, muss viel alleine sein, am liebsten in der Natur. Ich habe erhebliche Gedächtnislücken, bin vergesslich und kann mich nicht lange konzentrieren. Dann nehme ich eine Auszeit, danach geht es wieder, auch hoch konzentriert, für eine Weile weiter. Meiner Vergesslichkeit begegne ich mit Gelassenheit. Die Sachen finden sich meist wieder.
Psychomeda: Wir bedanken uns für das Interview!
Mehr Informationen über Petra Levator und ihr Buch 'Tarnkappe' finden Sie unter http://petra-levator.de/
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