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Ich habe keinen Glauben und keine Perspektive mehr

Can (m, 27) aus Bonn:

Hallo,

vor 3 1/2 Jahren hatte ich eine bakterielle Infektion. Ich sah mich mit dem Tod konfrontiert.
Nach der ersten Phase der Verzweiflung und des Schocks, habe ich mich mit dem Gedanken zu sterben angefreundet und mich sogar darauf gefreut. Es fühlte sich an wie Erlösung.

Seit diesem Tage habe ich keinen Glauben und keine Perspektive mehr. Ich dachte lange Zeit ich hätte sterben müssen.

Ich hatte ein Jahr davor eine Schauspielausbildung angefangen und war sehr erfolgreich und glücklich. Diese habe ich dann wiederrum ein Jahr nach diesem traumatischen Erlebnis abgebrochen. Ich war daraufhin 2 Jahre Hartz IV Empfänger, bis ich wieder auf einer Schauspielschule genommen wurde.

Ich frage mich aber, ob ich dies jetzt nur tue, weil ich mich nach etwas sehne, wovon ich weiß, dass es mich vor langer Zeit mal glücklich gemacht hat.

Ich komme aus einer anatolisch/bäuerlichen Familie und wurde mit viel Härte und Gewalt erzogen. Die Schauspielerei war gleichzeitig mein Ausbruch.
Ich habe im ersten Jahr meiner Ausbildung viel meditiert und im Hier und Jetzt gelebt.
Seit dem Trauma fühle ich mich dazu nicht mehr in der Lage. Damals, in den ersten Monaten nach der Krankheit, habe ich davon gesprochen, dass mich Gott verlassen hat.

Ich habe seitdem psychosomatische Beschwerden im Bauchbereich. Laut Osteopathen ist mein Darm, der eines 70 Jährigen.

Ich habe oft in normalen Situationen Momente, wo mich diese enorme Todesangst anfliegt. Bin unsicher, leicht reizbar, empfindlich und sehe keine Ausweg.

Was soll ich tun?

Antwort vom Psychomeda Therapeuten-Team:

Lieber Can,

ich danke Ihnen recht herzlich für Ihre Zuschrift. Sie sahen sich vor 3,5 Jahren durch eine Krankheit mit dem Tod konfrontiert. Nachdem Sie zuerst verzweifelt und geschockt waren, fingen Sie an,sich mit dem Gedanken, bald zu sterben, anzufreunden. Lange Zeit gingen Sie davon aus, dass Sie sterben müssen. Es begann, sich wie eine Erlösung anzufühlen und Sie freuten sich sogar darauf.

Seit diesem Tag hat sich Ihr Leben sehr verändert. Sie haben keinen Glauben und keine Perspektive mehr. Das kann ich gut nachempfinden, denn Sie hatten bereits mit ihrem Leben abgeschlossen, es innerlich beendet und Frieden damit geschlossen.

Nun geht Ihr Leben weiter. Sie schreiben nichts über Ihre Genesung, doch Sie scheinen die Krankheit auf eine Art überwunden zu haben. Da Ihr Leben weiter geht, mit dem Sie schon abgeschlossen hatten, stellen sich jetzt die Fragen: Was wollen Sie jetzt von Ihrem Leben? Was macht jetzt Sinn für Sie?

Wie Sie schreiben, war die Schauspielerei ein Ausbruch aus einem Familiensystem, das sehr von Härte und Gewalt geprägt war. Nun haben Sie die Ausbildung an der Schauspielschule wieder aufgenommen und fragen sich, ob es nun noch das Richtige für Sie ist. Das ist eine berechtigte Frage, denn alles, was vor Ihrer Krankheit Sinn gemacht hat, kann sich jetzt ganz anders anfühlen.

Ich kann es gut verstehen, dass Sie sich in den ersten Monaten nach Ihrer Erkrankung von Gott verlassen fühlten. Vielleicht ist das auch das größte Problem: Sie hatten zwar mit dem Leben abgeschlossen, aber gleichzeitig den Glauben an Gott verloren.
Ich weiß nicht, welchem Glauben Sie angehören. Krankheit und Tod bedeuten nicht, dass Gott uns verlassen hat. Denn es gibt Glaubensrichtungen, die z.B. den Tod als eine himmlische Hochzeit mit Gott betrachten und sich ihr Leben lang auf diesen Moment vorbereiten. Entscheidend ist jedoch, dass Sie sich verlassen fühlen und Ihren Glauben zur Zeit nicht wiederfinden.

Das Trauma des bevorstehenden Todes haben Sie erfolgreich bewältigt. Jetzt ist es wichtig, dass Sie Ihr Überleben neu gestalten und auch mit anderen Augen und Sinnen begreifen. Sie haben eine sehr transformative Erfahrung gemacht, die Sie verändert hat. Und so braucht es jetzt viel Hingabe und Zuwendung Ihrerseits, sich diesem neuen Leben zu stellen. Vielleicht mögen Sie es als eine Art Wiedergeburt fühlen und betrachten. Was könnte nun die neue Aufgabe in Ihrem Leben sein?

Bevor Sie erkrankten, haben Sie sehr viel meditiert und waren präsent im gegenwärtigen Moment. Jetzt fällt es Ihnen schwer, Sie scheinen erstmal keinen Zugang mehr dazu zu haben. Das heißt aber nicht, dass Sie grundsätzlich nicht mehr meditieren können, sondern dass es sich gerade so anfühlt, als sei der Weg dahin versperrt.

Nach meinem Empfinden ist es sehr wichtig, dass Sie akzeptieren, dass Sie noch leben. Wenn Sie diese tiefe Akzeptanz in sich finden, können sich auch die Todesängste auflösen. Sie sind ein Schwellengänger. Sie wissen bereits wie es ist, sich dem Tod gegenüber zu öffnen und innerlich ganz loszulassen. Gleichzeitig leben Sie Ihr Leben nun weiter. Versuchen Sie es mit besonders viel Hingabe und Liebe zu leben. Achten Sie sehr auf eine reizarme Umgebung und Ihr Wohlbefinden.

Wenn Sie anfangen, sich selbst anzunehmen, wird sich vieles entspannen und Sie werden herausfinden, was Sie wirklich tun wollen. Lassen Sie sich dabei von sich selbst überraschen, vielleicht wollen Sie plötzlich Sozialarbeiter werden, um obdachlosen Kindern und Jugendlichen zu helfen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind.

Was es auch immer ist - Ihr Leben ist es wert weitergelebt zu werden. Wenn Sie sich selbst diese Wertschätzung entgegenbringen und sich tief entspannen, werden sie auch den Zugang zu Gott und Ihrem Glauben wiederfinden.

Ihr Darm ist durch die bakterielle Infektion und/ oder damit verbundenen Behandlungsweisen sehr belastet und herausgefordert. Wenn Sie offen für alternative Heilmethoden sind, möchte ich Ihnen empfehlen, sich eine/n Heilpraktiker/in zu suchen, der/die sich speziell mit der Behandlung von viralen und bakteriellen Infektionen beschäftigt und mit sehr vielen verschiedenen, naturheilkundlichen Behandlungsansätzen arbeitet.

Zusätzlich könnte es hilfreich sein, wenn Sie sich von einer spirituell ausgerichteten Therapie oder Beratung begleiten und unterstützen lassen, um Ihre transformativen Prozesse leichter zu verstehen und anzunehmen.

Mit herzlichem Gruß,

Anke Wagner
-Heilpraktikerin f. Psychotherapie -
Bewertung durch den Fragensteller:
Vielen Dank! Es hat mir sehr geholfen. Sie haben mir gezeigt, dass ich bestimmte Erkenntnisse lange Zeit verdrängt und abgelehnt habe.





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