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Ich bin sehr einsam, weiß aber nicht, wie ich das ändern kann.

Faih (w, 24) aus Münster: Ich bin sehr einsam,weiß aber nicht,wie ich das ändern kann,weil mir alles,was über Smalltalk hinausgeht,wahnsinnig schwerfällt. Tiefere Freundschaften schließe ich seltenst und wenn, fange ich irgendwann an,mich wegen Kleinigkeiten aufzuregen,staue immer mehr Wut und Entäuschung auf und breche dann mehr oder weniger plötzlich den Kontakt ab.Und leide darunter,weil ich die Beziehung vermisse.Ich werde insgesamt sehr schnell wütend auf Mitmenschen,allerdings zeige ich das niemals.Ich hatte noch nie einen Freund und verstehe nicht,wieso,da mir immer versichert wird,ich sei sehr freundlich und einnehmend,besonders beim Kennenlernen.Allerdings bin ich in einer relativ konservativen,christlichen Gemeinschaft aufgewachsen,deren Wertvorstellungen mich immernoch oft hemmen.Doch habe ich nicht das Gefühl,dass Männer überhaupt an mir interessiert sind.Ich verbringe den Großteil meiner Freizeit allein zuhause,gehe praktisch nie feiern und wenn ich mich dazu zwinge,um 'aus meinem Schneckenhaus heraus zu kommen' bin ich später einfach totunglücklich. Dann kommt manchmal auch der Wunsch,mich selbst zu verletzen,wieder hoch(ich habe mich als Teenager geritzt)und bekomme regelrecht Panik,wenn ich daran denke,dass,wenn meine Familie irgendwann nicht mehr dasein sollte,ich tatsächlich NIEMANDEN mehr habe.Eigentlich finde ich meine Situation absolut lächerlich,aber ich weiß nicht,wie ich da rauskommen soll.Soll ich mich einfach zu mehr Kontakten zwingen?Wie kann ich diese halten? Würde eine Therapie sinnmachen?

Antwort vom Psychomeda Therapeuten-Team:

Hallo Faih, vielen Dank für Ihr Vertrauen in das Psychomeda-Therapeuten-Team.

Sie schreiben, dass Sie sich einsam fühlen, aber nicht wissen, wie Sie das ändern können, weil alles was über einen Smalltalk hinausgeht, Ihnen wahnsinnig schwerfällt. Sie leiden darunter, weil Sie Beziehungen vermissen.

Ich finde, Sie reflektieren sich und Ihre Verhaltensweisen sehr deutlich. Doch was mir auffällt, ist dass Sie sowohl sich selbst als auch Ihre Umwelt negativ sehen und auch so empfinden. Sie werden insgesamt sehr schnell wütend auf Mitmenschen und fangen irgendwann an, sich wegen Kleinigkeiten aufzuregen. Da sich immer mehr Wut und Enttäuschung aufstaut, brechen Sie dann mehr oder weniger plötzlich den Kontakt zu Bekanntschaften ab.

Auch schreiben Sie, dass ‚Sie sich als Teenager geritzt haben und auch jetzt manchmal den Wunsch haben, sich selbst zu verletzen. Leider schreiben Sie nicht, was damals Ihnen solchen Druck gemacht hat und in welchem Zusammenhang. Beim Gedanken, dass Ihre Familie irgendwann nicht mehr sein wird, bekommen Sie regelrechte Panik.

Als Baby sind wir darauf angewiesen, dass unsere nahen Bezugspersonen sich optimal um uns kümmern und sich auch in uns einfühlen können, weil wir unsere Bedürfnisse noch nicht kognitiv bewusst in Worten ausdrucken, sondern nur mit Lauten und nonverbal vermitteln können. Doch für unser Überleben ist es absolut notwendig, dass sich andere in uns einfühlen können und für unser Wohl sorgen. Erst dann lernen wir auch im Laufe unserer eigenen Entwicklung, uns in andere hineinzuversetzen und einzufühlen. Sie schreiben zwar, dass sie in einer relativ konservatien christlichen Gemeinschaft aufgewachsen sind, deren Wertvorstellungen Sie immer noch oft hemmen. Welche Wertvorstellungen hemmen Sie? Leider schreiben Sie nichts über Ihren lebensgeschichtlichen Hintergrund. Doch ich habe den Eindruck, dass für Sie das Einfühlen in andere Menschen ein Problem für Sie ist. Sie haben Angst davor auf andere Menschen zuzugehen und wenn es trotzdem geschehen ist, dass Sie jemanden kennengelernt haben, dann fangen Sie irgendwann an sich über Kleinigkeiten aufzuregen und es kommen die Gefühle von Wut und Enttäuschung in Ihnen hoch, so dass Sie spätestens dann den Kontakt wieder abbrechen.

Vielleicht sollten Sie sich einmal fragen, warum haben Sie Angst mit Menschen längere Beziehungen einzugehen, d. h. eine Freundin bzw. einen Freund zu haben und diese Freundschaften auch zu pflegen. Wovor haben Sie Angst? Haben Sie Angst davor enttäuscht zu werden? Oder haben Sie Angst davor, abgewiesen zu werden? Vielleicht besteht Ihre Angst aber auch darin, sich jemanden anzuvertrauen und dieser Person dann auch zu vertrauen?

Doch um Beziehungen eingehen zu können, brauchen Sie jedoch eines ganz sicher: VERTRAUEN!

Ein Thema bei Ihnen ist wohl auch das Thema Vertrauen! Vertrauen zu sich selbst. Vertrauen zu Veränderungen und Herausforderungen im Leben. Sie sind noch jung und stehen gerade mal am Anfang Ihres erwachsenen Lebens und es werden noch sehr viele Situationen, Menschen, Veränderungen und Erwartungen auf Sie zukommen, die Vertrauen von Ihnen erwarten. Sie müssen unbedingt sich selbst vertrauen, denn wenn Sie selbst unsicher sind, wissen Sie auch nicht, wie Sie mit Ihren Anforderungen und Erwartungen umgehen sollen. Diese Gefühle erzeugen natürlich Ängste, Wut und Enttäuschung. Ohne Vertrauen ist keine tiefere Beziehung möglich.

Doch im Moment tun Sie sich schwer, überhaupt Beziehungen einzugehen. Sie schotten sich ab, gehen nie feiern und wenn Sie trotzdem gehen, sind Sie hinterher todunglücklich. Warum sind Sie unglücklich, wenn Sie feiern gehen? Haben Sie dann ein schlechtes Gewissen? Oder macht man Ihnen Vorwürfe wegen des Feierns und Ausgehens?
Ich kann gut verstehen, dass Sie sich nun die Frage stellen, wie Sie da rauskommen bzw. ob Sie sich zu Kontakten zwingen sollen oder ob sogar eine Therapie Sinn macht. Sie fühlen sich einsam und natürlich auch alleine gelassen, besonders wenn Sie an den Gedanken denken, dass Ihre Familie einmal nicht mehr sein wird. Leider ist es so, dass durch Ihre Gefühle von Misstrauen, Angst und vielleicht auch Unverständnis für andere, Ihnen die Möglichkeit genommen wird, tieferen Kontakt mit anderen Menschen (Männern/Freundinnen/Freunden) einzugehen und sich zu öffnen.

Durch Ihre Hemmungen und Ängste legen Sie auch eine gewisse Schüchternheit an den Tag. Diese ist mit Angst geprägt. Sie haben Angst davor, sich und Ihre Gefühle zu offenbaren und sich damit auch verletzlich zu zeigen. Denn das ist es, was eigentlich bei einem Kennenlernen/Unterhalt mit Männern und Freunden/Freundinnen passiert. Man zeigt sich, geht aus, feiert mit anderen und lernt jemanden kennen. Doch durch Ihre Angst, sich anderen zu öffnen bzw. diesen zu vertrauen, befinden Sie sich in einen sogenannten Schutzmodus. Er schützt Sie vor Abweisung und vor seelischen Verletzungen, besonders wenn es um emotionale Nähe geht.

Doch um Menschen und Männer kennenzulernen bzw. mit diesen zu kommunizieren, ist es sehr wichtig, dass ‚Sie diesen Schutzmodus ablegen können. Um das zu lernen, könnte ein Therapie sehr nützlich und auch sinnvoll sein, da Sie somit Gelegenheit bekommen, mit therapeutischer Unterstützung bestimmte Verhaltensweisen zu ändern, neue auszuprobieren und auch sich selbst bzw. anderen vertrauen zu können.

Leider schreiben Sie nichts über Ihre Eltern bzw. über Ihre Kindheit, doch ich könnte mir vorstellen, dass Sie schon in Ihrer Herkunftsfamilie Zurückweisung erleben mussten. Deshalb ist es gut, wenn Sie sich therapeutische Begleitung suchen, um endlich auch die Erfahrung machen zu dürfen, wie es ist, wenn jemand zu Ihnen steht. Lernen Sie, sich jemanden anzuvertrauen und Ihre so genannten Ängste und Ihre Schüchternheit verliert Ihre Kontrollfunktion und Sie kommen aus Ihrem Schutzmodus heraus. In therapeutischer Begleitung erfahren Sie mehr über die Hintergründe Ihrer Angst und Ihres Misstrauens und lernen im geschützten Rahmen sich emotional zu öffnen und Mitgefühl und Vertrauen zu entwickeln – für sich selbst und für andere. Hier auf Psychomeda finden Sie eine große Auswahl an Therapeuten.

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch die kostenlose Nummer gegen Kummer 0800-111 0 333 empfehlen. Wenn Sie sich wieder verzweifelt fühlen und niemand da ist zum Reden, dann rufen Sie dort an – auch anonym – und sprechen mit den Mitarbeitern, um sich einfach mal zu entlasten und auch weitere Anregungen zu bekommen. Bei der Nummer fallen keine Gebühren an. Sie ist kostenlos.

Ich wünsche Ihnen viel Kraft und alles Gute

Mit herzlichen Grüßen
Silvia Exner
(Heilpraktikerin für Psychotherapie)
www.therapie-exner.de – info@therapie-exner.de

P.S. Ich würde mich freuen, wenn Sie diese kostenlose Antwort bewerten und wenn möglich auch kurz zu kommentieren – Vielen Dank und alles Gute!
Bewertung durch den Fragensteller:
Ich bin sehr dankbar für die schnelle Antwort, die mir geholfen hat, einen neuen Blickwinkel auf meine Situation zu bekommen.

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