Ich bin nicht mehr für alle da
Sarah (w, 34) aus Neustadt Sa.: Hallo. Mein Problem ist kurz geschildert: ich bin seit 32 Jahren ein Mensch, der immer alles gemacht hat, ohne Murren und Klagen. Meine Mutter hat uns sehr dominant erzogen.Ihr Leben und Karriere standen immer an erster Stelle,während ich mich um alles kümmern musste.Nach außen hin ist sie natürlich DIE Mutter.Nunmehr hat es bei mir Klick gemacht und alle Wut und Enttäuschung kommt zum Vorschein.Da reden mit ihr unmöglich ist, weil sie ja keine Fehler gemacht hat,kocht alles in mir. Ich kann überhaupt nicht mehr mit Menschen umgehen. Sonst hatte ich viel Geduld,jetzt regt mich alles sofort auf. Nicht im privaten Umfeld, aber auf Arbeit.Wir sind 27 Angestellte.Jeder tut, was er will und die paar,die wirklich arbeiten (wozu ich gehöre),werden ausgegrenzt und gemieden.Ich halte das nicht mehr aus. Bei uns in der Firma haben alle den Himmel auf Erden und trotzdem gibt es nur Stress. Reden bringt hier nichts, ich habe es versucht. Ich bin am Zweifeln an mir selbst, ob ich komisch bin. Dabei habe ich mich nicht verändert, außer, dass ich mal meine Meinung sage. Meist setze ich mich für Andere ein und da bekomme nichts als Ärger. Selbst, wenn man einfach nur da ist, ist man Tuschelthema. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Und dann noch meine Mutter. Seit fast 1 Jahr haben wir so gut wie keinen Kontakt, was mir aber gut tut. Doch wohin mit der Enttäuschung und Wut? Sport mache ich schon. Danke, falls Sie eine Anregung für mich haben. Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll. Danke.
Antwort vom Psychomeda Therapeuten-Team:
Hallo Sarah,danke für Ihr Vertrauen!
Sie haben Ihr Leben lang immer alles gemacht, ohne Murren und Klagen, wie Sie das beschreiben, haben Sie sich um alles gekümmert. Und auch in Ihrem sozialen Umfeld sind Sie jemand, der für Andere da ist.
So, und jetzt hat es „Klick“ gemacht und alle Wut und Enttäuschung kommen hoch. Sie haben, auf Deutsch, die Nase voll. Und auch in Ihrem Umfeld haben Sie weniger Geduld und sagen Ihre Meinung.
Zunächst einmal: Glückwunsch! Sie sind nicht komisch, im Gegenteil, Sie kommen zu sich, Grenzen sich ab, lassen nicht mehr alles mit sich machen, sind nicht mehr für alle sondern für sich selbst da. Das ist absolut in Ordnung!
Jetzt, wo es bei Ihnen „Klick gemacht“ hat, ändert sich natürlich Ihre Einstellung zu den Menschen um Sie herum. Sie werden sich jetzt fragen müssen, oder besser, können!, ob Sie mit so Manchem in Ihrer Umgebung noch etwas zu tun haben wollen.
Das Problem liegt tatsächlich bei den Anderen: in den Augen der Anderen sind Sie nämlich nicht mehr bequem. Sie funktionieren nicht mehr. Damit haben die Anderen, und sicherlich auch Ihre Mutter, natürlich ein Problem, und das wird Ihnen auch unmissverständlich klar gemacht: Sie werden ausgegrenzt und gemieden.
Und gerade auf Menschen, die Sie nur deswegen mochten, weil Sie immer für alle da waren, weil Sie keine eigene Meinung hatten, aber eben nicht wegen Ihrer Persönlichkeit, nicht Ihretwegen, können Sie jetzt sicherlich ganz gut verzichten. Sie werden dafür andere Menschen kennenlernen, Menschen, denen Sie persönlich etwas bedeuten und nicht nur weil Sie für andere etwas tun.
Wohin mit Ihrer Wut? Schätzen Sie Ihre Wut. Sie tut Ihnen gut. Sie hilft Ihnen, sich abzugrenzen und zu schützen. Lernen Sie Ihre Wut kennen!
Es wird da zwei Arten Wut geben, eine, die jetzt in einer aktuellen Situation passt. Das ist eher ein Ärger, ein Unmut, ein: „das will ich nicht“. Diese Wut erhalten Sie sich.
Die andere Wut ist alt, ist alles, was von damals aufgestaut ist, das ist sicherlich sehr viel. Jetzt fühlt sich die Wut sehr stark an, aber mit der Zeit wird das weniger werden, Sie sind da auf einem guten Weg, denn den schwersten, den ersten Schritt, eben den, den Sie als „Klick“ beschreiben, haben Sie gerade gemacht.
Sport hilft natürlich, aber suchen Sie sich auch jemanden, dem Sie davon erzählen können, eine gute Freundin oder Ihren Partner. Sie brauchen jetzt ein Gegenüber, das Ihre Wut wahrnimmt und ernst nimmt und aushält. Reden Sie sich die Wut von der Seele, sprechen Sie sie aus.
Und bleiben Sie bei sich. Seien Sie ruhig ein bisschen egoistisch, das kann auch Spaß machen!
Ich wünsche Ihnen dafür alles Gute!
Mit herzlichen Grüßen
Sven Hülsebus
Heilpraktiker (Psychotherapie)
Bewertung durch den Fragensteller: 



danke für die antwort und zeit. es hilft sehr, sie zu lesen.




danke für die antwort und zeit. es hilft sehr, sie zu lesen.
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