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Ich kann nicht aufhören zu lügen, will es aber niemandem mehr antun

unbekannt (m, 27) aus Stuttgart:

Ich hab ein schwerwiegendes Problem. Um es auf den Punkt zu bringen, ich lüge ununterbrochen, selbst bei Kleinigkeiten.

Meine Lügen gingen soweit, dass ich einen Doktortitel erfunden habe, im Krieg gewesen bin (komme aus dem Nahost), geschlagen wurde, Gehirntumore erfunden habe, von meiner Familie verstoßen und ausgesetzt wurde. Herzkrankheiten simuliert, lebensbedrohliche Operationen mit wahrscheinlicher Todesfolge glaubhaft und unter Tränen meinem Gegenüber gebeichtet habe, so tue, als wäre mein linker Arm taub und um es glaubhaft rüberzubringen, ich mich an den Arm mit Zigaretten verbrenne oder mit spitzen Gegenständen reinsteche und obwohl ich den Schmerz spüre, es in meiner Mimik unterdrücke, um es glaubhaft stehen zu lassen.

Ich belüge jeden, selbst meine Frau, die ich über alles liebe, aber ich kann einfach nicht aufhören zu lügen und ich will es niemanden mehr antun.

Dass dies alles in meiner Kindheit begann, als meine Eltern mich mit 6 Jahren in den Nahosten geschickt haben, um dort die arabische Schule zu besuchen, dann von meiner Oma aufgezogen worden bin. In ein Umfeld und eine Kultur einfach reingeschmissen. Meine Mutter hat mich am Tag der Abreise damit reingelegt, dass wir jetzt einen Ausflug machen und sie mich dann einfach alleine in das Flugzeug reingeschickt haben.

Meine Eltern blieben in Deutschland und ich besuchte sie immer zu den Sommerferien und sie haben mich dann im Alter von 12 Jahren wieder nach Deutschland geholt. Wiederum hier dann alles nochmal durcherleben musste.


Antwort vom Psychomeda Therapeuten-Team:

Lieber unbekannt,

ich danke Ihnen für Ihre Anfrage. Sie wurden als 6-jähriger Junge von Ihren Eltern getrennt und mussten dann in einer anderen Kultur bei Ihrer Großmutter aufwachsen. Dies war eine zutiefst traumatische Erfahrung, denn Sie konnten sich nicht dagegen wehren, flüchten oder anders darauf Einfluss nehmen. Im Gegenteil, Ihre Eltern haben Sie belogen, dass sie alle einen Ausflug machen würden, um sicher zu gehen, dass Sie ohne Gegenwehr in das Flugzeug steigen. Ihr traumatisches Erleben wurde dadurch mit einer Lüge verknüpft.

Nun ist es für Sie zur Gewohnheit geworden, alle anderen Menschen auch zu belügen. Es ist, als würden Sie die Lüge von damals immer wieder reinszenieren - nicht absichtlich - aber unbewusst, um sich seelisch endlich aus dieser traumatischen Erfahrung lösen zu können. Leider geschieht genau das Gegenteil, Sie erschaffen eine Parallelwelt aus Lügen in Ihrem Leben und ich bin sicher, es kostet sehr viel Kraft, das aufrecht zu erhalten. Und doch ist es wie eine Überlebensstrategie, die Sie nicht einfach aufgeben können.

Interessanterweise ist in Ihrer Lüge, dass Sie von Ihren Eltern verstoßen und ausgesetzt wurden, tatsächlich auch eine Wahrheit enthalten. Denn so haben Sie es damals erlebt. Ihre Lügen bewirken, dass andere Menschen Anteil an ihrem Schicksal nehmen und sich ernsthaft um Sie sorgen. Es ist genau das, was damals gefehlt hat, als man Sie ins Flugzeug steckte - es war niemand da, der Sie begleitete, tröstete und sich darin einfühlen konnte, was für ein Schock es für Sie als Kind war, von den eigenen Eltern fortgeschickt zu werden. Ihre Eltern haben einen großen Vertrauensbruch begangen, ohne dass ihnen das bewusst war.

Im Allgemeinen gilt pathologisches, also zwanghaftes, Lügen als Begleitsymptomatik einer psychischen Störung, wie z.B. einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Aus meiner Sicht könnte es jedoch ratsam sein, erstmal die traumatische Erfahrung therapeutisch zu bearbeiten und zu schauen, was sich dann bereits verändert.

Ich würde Ihnen deshalb empfehlen, sich einen Traumatherapeuten zu suchen, der z.B. in EMDR, PITT oder Somatic Experiencing ausgebildet ist. Letzteres könnte besonders hilfreich sein, weil es bei Ihrer Erfahrung auch um ein frühes Bindungstrauma handelt, bei dem es wichtig ist, die physiologisch gespeicherte Traumaenergie im Körper sehr behutsam zu lösen - und dies im Kontakt und mit sicherer Begleitung des Therapeuten.

Ich wünsche Ihnen alles Gute dafür. Über ein kurzes Feedback würde ich mich freuen.

Viele Grüße

Anke Wagner
Heilpraktikerin f. Psychotherapie
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