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Muss eine Therapie so weh tun?

Moto (m, 28) aus Köln:
Bin seit 1 Jahr wegen Depressionen in Behandlung. Bin in narzisstischer Familie groß geworden, die mich regelmäßig 'klein gemacht' hat. Habe selbst narzissistisches Verhalten entwickelt (extreme Empfindsamkeit, Perfektionismus, zu hohe Erwartung an andere, Schwarz-Weiß-Denken...).

Nun gehts selbstverständlich in Therapie um den eigenen Narzissmus. Es fällt mir schwer, den Begriff anzuerkennen, da meine Familie mich aufgrund dessen stark gedrückt hat. Selbst zu einer Gruppe gehören, die schlimmste Verbrechen hervorgebracht hat (bei kaltblütigen Taten ist immer 'Narzissmus' die Erklärung),kommt mir komisch vor, mir wurde sonst immer eher ein hohes Einfühlungsvermögen bescheinigt. Therapeutin sagt, ich habe Angst 'nicht gut genug' zu sein, wenn ich Fehler anerkenne, das scheint logisch. Dennoch komme ich mir entwertet vor (was auch narzissistisch ist).

Probleme habe ich auch damit, dass meine Therapeutin schon ein paar Mal ein Fehler in Orga-Dingen gemacht hat (m.Mann und andere sehen es als eindeutig zuordbare Fehler der Praxis). Es war nichts Weltbewegendes, aber jedes Mal äusserte die Therapeutin(z.T. sehr gereizt über Fehler), es sei meine Schuld. Habe mich nicht getraut zu widersprechen, es hemmt auch mein Vertrauen, dass sie ihre Fehler abschiebt.

Mir fehlt auch Empathie: Meine 'Empfindsamkeit' ist ja nicht bloß 'Narzissmus', die tut ja auch verdammt weh. Als reiße sie mir alle Kleider von Leib und ruft 'Du bist ja nackt!', während sie voll bekleidet mir keine Alternative zur Kleidung anbietet. Habe richtig depressive Schübe bekommen. Muss eine Therapie/das sich Ändern quasi so 'weh tun'?

Antwort vom Psychomeda Therapeuten-Team:

Liebe Moto,

ich danke Ihnen für Ihre Anfrage. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, Therapie kann sehr schmerzvoll sein, weil man in Kontakt kommt mit den vormals verdrängten Gefühlen, die so tief und existenziell sein können, als würde es ums eigene Überleben gehen. Denn so war es ursprünglich einmal: es ging darum, in einer dysfunktionalen Umgebung irgendwie zu Überleben, weil man sich als Kind in einem Abhängigkeitsverhältnis befindet, das man nicht einfach beenden konnte.

Bei einem therapeutischen Prozess ist es sehr wichtig, dass man ein gutes Vertrauensverhältnis zum Therapeuten aufbauen kann, so dass die Beziehung trägt, stützt und absichert, wenn man schmerzliche Gefühle zulässt und die Erfahrung macht, es löst sich etwas danach, die alten Gefühls-und Verhaltensmuster müssen in der Gegenwart nicht mehr weiter aufrecht erhalten werden, weil man mehr vertrauen kann - sich selbst, Anderen und der Umwelt. Dies ist oft ein langwieriger Prozess, für den man sehr viel Geduld aufbringen sollte.

Psychotherapie ist eine geschützte Übungssituation, um Projektion/ Übertragung zu ermöglichen und in einer therapeutischen Beziehung quasi nachzureifen und Vertrauen zu erlernen.

Sie sind sehr wütend auf Ihre Therapeutin, trauen sich aber nicht, in den Konflikt zu gehen und ihn auszutragen. Hier spiegelt sich der ursprüngliche, frühe Konflikt wider: Ich darf nicht sein, wer ich bin, sondern muss mich so verhalten, wie die Anderen - meine Bezugspersonen - es von mir erwarten, sonst werde ich nicht mehr geliebt/ gemocht. Sie haben vermutlich schon sehr früh die narzisstischen Bedürfnisse ihrer Eltern erfüllen müssen auf Kosten der eigenen Selbstentwicklung. Das war für Ihr Überleben notwendig.

Doch mit dieser Selbstverleugnung ist auch die so genannte narzisstische Wut verbunden, die enorm ist. Wenn Sie es schaffen, diese Wut zu zeigen, d.h. damit wirklich in die Beziehung zu ihrer Therapeutin hinein zu gehen und zu spüren, der Kontakt bricht deshalb nicht ab, Sie werden nicht 'bestraft', sondern dürfen eigene Bedrüfnisse und Grenzen haben, dann könnte dies ein großer Schritt auf Ihrem Heilungsweg sein.

Dazu ist es allerdings notwendig, dass Ihre Therapeutin den geschützten Beziehungsrahmen halten und mit der Projektion arbeiten kann. Nicht jeder Therapeut kann dies, manche kommen an ihre Grenzen und stehen nicht offen dazu. Die Behandlung von narzisstischen Störungen erfordert eine hohe Resilienzfähigkeit und Authentizität. Es ist also für beide Seiten - Klient und Therapeut - eine große Herausforderung.

Überprüfen Sie noch einmal, ob Sie bereit sind, sich ganz in die Beziehung einzubringen, auch mit ihrer Wut. Prüfen Sie dann, ob die Therapeutin wirklich die Richtige ist, um Sie langfristig zu begleiten und auch, ob die Methode für Sie stimmig ist. Sie schreiben nicht, welche Methode die Therapeutin ausübt, aber z.b. eine Verhaltenstherapie wäre tendenziell eher ungeeignet.

Vielleicht könnte auch eine körperorientierte Psychotherapie (Körpertherapie, Körperpsychotherapie, somatische Traumatherapie) hilfreich sein. Denn in den ersten 3 Lebensjahren erleben wir alles als rein körperliche Empfindungen, die wir weder kognitiv benennen noch reflektieren können. In einer reinen Gesprächstherapie sind diese prozeduralen Erinnerungen verbal oft nicht zugänglich.

Da die narzisstische Störung eine Frühstörung ist, kann es sein, dass man im therapeutischen Gespräch an seine Grenzen kommt und keine Ressourcen aufbauen kann - so wie Sie es beispielsweise gerade emotional erleben, als stünden Sie 'nackt' da, während Ihre Therapeutin 'angezogen bleibt und Sie nicht schützen kann.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und dass Sie bald mehr Klarheit über Ihre Therapiesituation erhalten und sie entsprechend verändern können. Über ein kurzes Feedback würde ich mich freuen.

Viele Grüße

Anke Wagner
Heilpraktikerin f. Psychotherapie






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