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Die psychologische Diagnose – Gesellschaft, Therapeut, Klient

 Denis Tengler Dieser Artikel soll anhand des Beispiels „Volkskrankheit Depressionen“ herausstellen, in wieweit die psychologische Diagnose als solche dazu beiträgt, Klienten einer optimalen Behandlung zuzuführen und welche Rolle dem Therapeuten dabei zukommt. - von Denis Tengler, Dec 2015

Die psychologische Diagnose – Gesellschaft, Therapeut, Klient

Wenn wir implizieren, dass eine psychologische Diagnose dazu dienen soll, dem Menschen eine passende Hilfestellung in Form von Beratung oder Psychotherapie zur Verfügung zu stellen, müssen wir auch fragen, inwiefern wir mit unserem Gesundheitsnetz diesem Anspruch tatsächlich gerecht werden. Dieser Artikel beschäftigt sich nicht mit den internationalen Klassifikationssystemen für psychische Krankheiten sondern möchte die lebendige Seite weiter in den Vordergrund rücken. Hierbei sollen die Faktoren Gesellschaft, Therapeut, und Klient genauer betrachtet werden.

Die Sicht der Gesellschaft

Wie steht es mit unserem gesellschaftlichen Verständnis für "psychisch Kranke"? Faktisch schließen wir psychisch Kranke weiträumig von der Gesellschaft aus. Solange wir von der Norm abweichendes Verhalten einseitig als pathologisch ansehen und das darin liegende Entwicklungspotenzial nicht anerkannt wird, zeigen wir mit unserem Verhalten bestenfalls unsere eigene gesamtgesellschaftliche psychische Instabilität auf, während wir dem Hilfesuchenden gleichzeitig eine Diagnose auf Lebenszeit aufprägen. Wer das überprüfen möchte, der kann sich darüber informieren, wie die Chancen für den ehemaligen Patienten stehen, nach einer Therapie auf „Kassenrezept“, eine Beamtenstelle, private Krankenversicherung oder eine vollwertige Zusatzversicherung abzuschließen- von den Einschränkungen bei der Berufswahl einmal ganz abgesehen.
Gesellschaftlich betrachtet stigmatisieren und diskriminieren wir denjenigen, der sich in seiner Persönlichkeit weiterentwickeln möchte, obwohl die „Psychotherapie“ schlicht die in unserer Kultur bekannteste „anerkannte Methode“ zur persönlichen Weiterentwicklung darstellt. Medienbeiträge unter der Maxime „objektiver, wissenschaftlich gesicherter Informationen“ in denen ein „Experte“ befragt wird sollen zumeist nur den Berichterstatter selbst beruhigen und den Zuschauer darin bestätigen dass die Übernahme von Eigenverantwortung völlig überschätzt wird.

Die Sicht des Therapeuten

In der Praxis begegnet uns Therapeuten der ganze Mensch mit seiner Individualsystemik sowie seinen unintegrierten Persönlichkeitsanteilen und bittet uns um Hilfe. Wir jedoch wissen, dass wir die anstehende Entwicklung nicht steuern sondern nur begünstigen können. Der Versuch, den Patienten „zu heilen“, führt regelmäßig zu Problemen, die größer sind als diejenigen, wegen denen der Patient ursprünglich zu uns gekommen ist – die Übertragungsheilung stellt hierbei noch das geringste unerwünschte Vorkommnis dar. Dabei stellen wir regelmäßig fest – und das kratzt an unserem Ego, welches wir mit Titeln und Abschlüssen gefestigt haben – dass die komplexe Diagnose den Klienten zwar zu uns führt, in Bezug auf die eigentliche „Therapie“ jedoch viel zu oft unbrauchbar ist und einen zusätzlichen Widerstand im Fortschreiten der Persönlichkeitsentwicklung bewirkt, da der Klient sich (ebenso wie der Therapeut) nur zu gerne hinter der Diagnose versteckt. Typische Sätze, die wir täglich hören können sind an dieser Stelle:

„Seit ich weiß, dass ich eine psychische Störung habe, geht es mir viel besser“.

„Ich versuche mich nicht so darstellen zu lassen, als sei ich nur meine psychische Krankheit“.

Die Krankheitseinsicht an sich hat, wenn eine Diagnose einmal gestellt wurde, zwar einen reduzierenden Einfluss auf den inneren Druck des Klienten, ist jedoch alles andere als kongruent mit den langfristigen Zielen gelebter Psychotherapie. Viel zu häufig wird genau diese „Einsicht“ aber als das oberste Ziel der Persönlichkeitsentwicklung dargestellt und weiter als zu diesem Punkt trauen sich häufig weder Therapeut noch Klient.

Die Sicht des Klienten

An dieser Stelle soll der Spagat zur Depression hergestellt werden. Für die meisten Menschen ist die Diagnose „Depression“ etwas Niederschmetterndes mit Endgültigkeitscharakter, da keinerlei Selbstkenntnis in Bezug auf die eigene Psychodynamik vorhanden ist. Ist die Diagnose einmal gestellt, wollen wir die Depression mit allen (insbesondere chemischen) Mitteln bekämpfen, loswerden, unterdrücken & ausrotten aber die echte Depression lässt das nicht zu. Sie will verstanden und angenommen werden und der Kampf um dieses Zulassen bestimmt den Verlauf.
Dem mag jemand entgegenhalten, dass Depressionen mit messbaren Veränderungen der Gehirnaktivität einhergehen, dass es zu Abweichungen vom regulären Durchblutungsstatus des Gehirns kommt und dass Dysbalancen von Neurotransmittern nachweisbar sind – aber was soll damit eigentlich gesagt werden, außer dass das Denken an sich eine psychopathologische Erscheinung darstellt, da Gedanken eben genau diese Faktoren beeinflussen? Diese Faktoren können zeitweise Relevanz erlangen und in einer Minderheit von „Fällen“ tatsächlich richtungsweisend für den Behandlungserfolg (einschließlich der körperlich begründeten Depressionen, z. B. infolge endokriner Erkrankungen, bei drohender Neurodegeneration usw.) sein. Wo diese „Behandlungsform“ jedoch zur Einbahnstraße wird, degeneriert das, was wir als Psychotherapie bezeichnen, zur Farce und führt nicht über die Krankheitseinsicht hinaus.

Fazit

In der Mehrzahl der Fälle stellt die Depression einen der Kernpfeiler der Persönlichkeitsentwicklung dar; provokativ möchte ich fast schon sagen, dass für viele Menschen persönliches Wachstum ohne das, was wir vorlaut als psychische Erkrankungen bezeichnen, schlicht nicht möglich ist. Häufig stellt die Depression langfristig erst wieder das innere und äußere Gleichgewicht her, indem sie uns von der degenerierten Lebensweise, für die wir uns selbst entschieden haben, distanziert.

Dies stellt nicht nur meine eigene Einzelmeinung dar, sondern entspricht den Erfahrungen sowohl meines therapeutischen als auch meines nichttherapeutischen Umfeldes.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Mut zum Wahnsinn!


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