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Ritzen (Selbstverletzendes Verhalten) - Lexikon der Psychologie

Ritzen zählt zu den selbstverletzenden Verhaltensweisen (SSV) und beschreibt als umgangssprachlicher Begriff das wiederholte, absichtliche Verletzen der Haut mit scharfen Gegenständen, wie Rasierklingen, Messern, Scheren oder Fingernägeln. Ritzen ist insbesondere bei Heranwachsenden weit verbreitet und verhilft den Jugendlichen zu einer Art Erleichterung und Stressabbau.

Erscheinungsformen des Ritzens

Etwa 5 bis 20% der Jugendlichen ritzen sich - Mädchen bis zu 10 mal häufiger als Jungen. Das ist das Ergebnis aktueller Studien aus unterschiedlichen Ländern, wobei die Tendenz in westlichen Ländern stark steigend ist. Beim Ritzen ist für viele Betroffene der Anblick von Blut (rote Tränen) von zentraler Bedeutung, so dass meist so lange geritzt wird, bis Blut fließt. Ritzen steht häufig in Zusammenhang mit hohen Neurotizismus-Werten, einem stark beeinträchtigten Selbstwertgefühl und der Borderline- Persönlichkeitsstörung. In seltenen Fällen liegt eine Selbstmordabsicht vor.
Typische Erscheinungsformen des Ritzens sind:
  • geritzt wird meistens zu Hause
  • oftmals nur kratzartige Hautdefekte: feine Schnitte, Ritzer oder Kratzer (in Gruppen angeordnet)
  • verwendet werden Scheren, Nadeln, Reißnägel, Heftklammern oder auch die Fingernägel
  • die bevorzugten Körperregionen sind Unterarm (bei Rechtshänder der linke) und Handgelenk
  • die meisten Jugendlichen beginnen mit 14 oder 15 Jahren mit dem Ritzen
  • oftmals werden sie von anderen (oder durch die Medien) auf die Idee gebracht
Ritzen weist typische Merkmale einer Sucht auf und kann auch als solche verstanden werden:

  • Beim Ritzen werden Adrenalin und Endorphine ausgeschüttet, die eine Art Glückgefühl und Erleichterung hervorrufen.
  • Wird länger nicht geritzt, tritt ein sogenannter Ritzdruck auf: Ein starkes Verlangen, sich wieder zu ritzen.
  • Außerdem entwickelt sich eine Toleranz, sodass das Ritzen nach Art und Häufigkeit immer weiter gesteigert werden muss.
  • Die Betroffenen schämen sich für ihr Verhalten, verbergen es und reagieren ungehalten, wenn sie darauf angesprochen werden.
Im Gegensatz zu anderen selbstverletzende Verhaltensweisen (Tätowieren, Piercing) ist Ritzen nicht gesellschaftlich akzeptiert und mit Scham besetzt. Entsprechend versuchen die Jugendlichen ihr Verhalten zu verheimlichen und die Wunden zu verstecken, z.B. durch Fernbleiben des Sport-Unterrichts.

Diagnose-Kriterien

Ritzen wird im ICD10 nicht als eigene psychische Störung angesehen, sondern als Symptom bei verschiedenen Störungen. Nach dem ICD10 kann es beispielsweise klassifiziert werden als emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline (F 60.31) oder auch als abnorme Gewohnheit und Störungen der Impulskontrolle (F 63.8). Diagnose-Kriterien sind:
  • Wiederholtes Verletzen der Haut über einen längeren Zeitraum (ein Jahr)
  • Ein Gefühl der Anspannung unmittelbar vor dem Ritzen (Ritzdruck)
  • Gefühle von Entspannung, Befriedigung oder Erleben einer angenehmen Betäubtheit nach dem Ritzen
  • Das Gefühl von Scham und Angst vor sozialer Ächtung bewirkt, dass Narben, Blut oder andere Anzeichen versteckt werden.
Häufig wird bei Jugendlichen, die sich ritzen, eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) diagnostiziert. Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sind emotional instabil, neigen zu schwarz-weiß Denken und weisen oft ein geringes Selbstwertgefühl auf. Chronisches Gefühl der inneren Leer, starke innere Konflikte, Selbstzweifel, impulsives Verhalten (Fressanfälle) und intensive aber unbeständige Beziehungen sind weitere Merkmale der Borderline-Störung. Ursachen sind oft Traumata in der Kindheit, wie sexueller Missbrauch, Vernachlässigung und Gewalterfahrungen.

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