Mobbing - Lexikon der Psychologie
von Shivani Silvia Allgaier, Diplom-Psychologin
Überblick
Das Wort Mobbing kommt aus dem Englischen. Das Substantiv "the mob" bedeutet "der Pöbel, die Horde, das Gesindel" - das Verb "to mob" heißt "über jemanden herfallen, jemanden anpöbeln, sich auf jemanden stürzen". Als feststehender Begriff bezeichnet Mobbing die systematische Ausübung von psychischer Gewalt am Arbeitsplatz oder in der Schule zur Ausgrenzung, Diskriminierung oder Unterdrückung anderer. Handelt es sich lediglich um zeitlich begrenzte Konflikte, wird hingegen nicht von Mobbing gesprochen. Wird die psychische Gewalt vom Arbeitgeber angewandt, spricht man auch von Bossing. Bei psychischer Gewalt von Schülern gegenüber Schülern spricht man auch von Bullying.
Merkmale von Mobbing
Der Arzt und Psychologe Heinz Leymann prägte den Begriff Mobbing für psychische Angriffe und feindselige Kommunikation am Arbeitsplatz. Leymann definierte Mobbing als konfliktbelastete Kommunikation, in der das Opfer dem Täter unterlegen ist, und der Täter systematisch über einen längeren Zeitraum gegen das Opfer vorgeht.
Als Richtschnur zur Einschätzung, ob es sich um Mobbing handelt oder um einen einfachen Konflikt, gilt die Dauer des Zeitraumes, in dem das Mobbing stattfindet. Wenn die Handlungen einmal pro Woche über ein halbes Jahr hinweg erfolgen, handelt es sich um Mobbing. Ein einmaliger Angriff oder eine Beleidigung gelten nicht als Mobbing.
Wenn ein Gleichgestellter psychische Gewalt ausübt, wird dies ebenfalls nicht als Mobbing bezeichnet. Damit man von Mobbing spricht muss ein Hierarchiegefälle zwischen Täter und Opfer vorliegen.
Mobbingmerkmale in der Übersicht:
- Der Täter übt psychische Gewalt am Arbeitsplatz aus
- Der Täter geht systematisch über einen längeren Zeitraum gegen das Opfer vor
- Das Opfer ist dem Täter unterlegen, Hierarchiegefälle
Mobbinghandlungen
Nicht nur die feindselige Kommunikation zählt zu den Mobbinghandlungen. Auch wenn soziale Beziehungen, der soziale Status, die Berufsausübung oder die Gesundheit angegriffen werden, spricht man von Mobbing.
Zur feindseligen Kommunikation zählen Drohungen, Telefonterror, Unterbrechen, Anschreien, Schimpfen, Schikanieren, Ausgrenzen, Einschüchtern, Hänseln, Beleidigen, permanente Kritik an der Arbeit, abwertende Blicke, Andeutungen anstelle von konkreten Aussagen.
Die sozialen Beziehungen werden vor allem durch Ignorieren oder Isolieren beschnitten. Beispiele reichen vom Nichtgrüßen über die Kontaktverweigerung bis hin zur Versetzung an einen abgeschiedenen Arbeitsplatz.
Der soziale Status des Betreffenden kann ruiniert werden durch üble Nachrede, sich lustig machen über Äußerlichkeiten oder die Persönlichkeit des Opfers, Angriffe auf Nationalität oder Konfession und bewusst schlechte oder falsche Beurteilung der Leistung. Auch Übergriffe in Form von Beschimpfungen, Beleidigungen bis hin zu sexueller Belästigung zählen dazu. Beim sozialen Status geht es darum, das Opfer zu erniedrigen und zu entwürdigen.
Das Mobbing-Opfer kann zudem gedemütigt werden durch die Zuweisung sinnloser Arbeit, durch den Entzug von Verantwortlichkeiten oder auch durch Zuweisung von Aufgaben, die das Opfer überfordern.
Zu den Angriffen auf die Gesundheit zählen körperliche Gewalt, Misshandlungen oder die Anweisung, gesundheitsschädliche Arbeiten auszuführen.
Folgen von Mobbing
Beim Opfer kann es infolge der psychischen Gewalt zu schwerwiegenden körperlichen und seelischen Gesundheitsfolgen (Burnout, Depression) bis hin zu Suizidgedanken oder einem vollzogenen Suizid kommen. Bei Kindern und Jugendlichen zählt selbstverletzendes Verhalten (Ritzen) zu den Mobbing-Folgen. Die Verunsicherung des Opfers macht sich meist nicht nur bei der Arbeit, sondern auch im privaten Umfeld bemerkbar. Mobbing-Opfer fühlen sich oft demotiviert, überfordert und besitzen eine geringere Leistungsfähigkeit. Gefühle von Hilflosigkeit können dazu führen, dass sich Mobbing-Opfer abschotten, ihre Fähigkeiten in Zweifel ziehen oder sich ganz aufgeben. Die psychischen Probleme werden medizinisch als Mobbing-Folgen anerkannt und ähneln posttraumatischen Symptomen. Mobbing geht weit über den bloßen Verlust der Lebensqualität hinaus.
Das Selbstbewusstsein wird immer geringer und die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück. Angehörige sehen darin häufig eine Ablehnung und distanzieren sich ihrerseits vom Mobbing-Opfer, wodurch schnell der eigentlich notwendige Rückhalt aus dem privaten Umfeld fehlt.
Nicht nur die Opfer, sondern auch die Unternehmen spüren die Mobbing-Folgen und müssen mit finanziellen Einbußen rechnen. Zusätzlich zu den erhöhten Fehlzeiten fürchten Unternehmen den Imageverlust. Aus diesem Grund gehen viele Unternehmen mittlerweile konsequent gegen Mobbing-Täter vor.
Mobbing aus Sicht der Täter
Gemobbt wird, um demonstrativ Macht auszuüben, einen Konkurrenten loszuwerden oder um einen Mitarbeiter zur Kündigung zu bewegen. Die meisten Täter nennen jedoch die Andersartigkeit des Opfers oder mangelnde Leistungsbereitschaft als vordergründige Ursachen für ihr Verhalten. Dabei werden Männer meistens von Männern und Frauen von Frauen gemobbt. Im Frühstadium wird Mobbing oft nicht erkannt oder sogar noch durch andere unterstützt, wodurch sich die Täter bestärkt fühlen und ihr Verhalten intensivieren.
Fragen und Antworten zu Thema Mobbing
Hilde (w, 42) aus Göttingen: Hallo, ich bin 42 und arbeite als Verkäuferin in einem großen Kaufhaus. Mein Problem ist, dass ich von meinem neuen Chef sehr schlecht und abwertend behandelt werde. Er lässt keine Gelegenheit aus mich vor anderen schlecht zu machen - vor Kolleginnen und vor Kunden. Vielleicht können sie mir helfen, denn ich weiß nicht mehr weiter.
Antwort vom Psychomeda-Team: Liebe Hilde, das, was Ihnen da zur Zeit wiederfährt, ist ein großes Unrecht. Da Sie aber in einem großen Kaufhaus arbeiten, gibt es zum Glück verschiedene Möglichkeiten, dem zu begegnen ganze Antwort lesen...
Gjulia (w, 44) aus Rheine: Meine Tochter (15 J.) wird seit Jahren gemobbt. Sie ist sehr frühreif und kommt daher besser mit Älteren zurecht. Das wird aber in ihrer Schulklasse nicht akzeptiert. Wir wissen uns keinen Rat mehr und sind für jeden Tipp dankbar.
Antwort vom Psychomeda-Team: Liebe Gjulia, Ihre Sorgen sind berechtigt, vor allem aber ist es sehr gut, dass Sie als Mutter die Probleme Ihrer Tochter wahrnehmen und Hilfe suchen. Zu oft werden leider beide Augen 'zugedrückt', wenn es um Mobbing bzw. systematische Deprivation Jugendlicher (aber auch Erwachsener am Arbeitsplatz) geht. ganze Antwort lesen...
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Hilfe bei Mobbing
Mobbing-Opfer sollten möglichst frühzeitig aktiv werden, Freunde und Kollegen um Hilfe bitten und alle Möglichkeiten ausschöpfen, um sich auch über offizielle Wege zu wehren. Leider fehlen den meisten Opfern dazu der Mut, das Wissen oder die sozialen Fähigkeiten. Selbsthilfegruppen, Coaching und therapeutische Unterstützung können daher sehr hilfreich sein. Der Austausch mit anderen Betroffenen wird oft als die größte Hilfe empfunden. Gegen Mobbingangst kann psychologische Beratung oder Therapie helfen. Nur wer lernt sich zu wehren kann den Teufelskreis durchbrechen und schwerwiegendere Folgen verhindern.
Literatur
Wolfgang Kindler: Schnelles Eingreifen bei Mobbing - Strategien für die Praxis
Eberhard G. Fehlau: 30 Minuten gegen Mobbing am Arbeitsplatz
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